Kurzer Trip nach London

Die Erlebnisse von Norwegen waren langsam verarbeitet und die Weihnachtsfeiertage hinter mir. Ein kurzer Trip – so war die Idee – könnte vor Beginn der Vorlesungen gemacht werden. Große Entfernungen waren damit nicht möglich; viele europäische Ziele blieben übrig. Nach vielen Überlegungen wurde London als Ziel auserkoren.

Am Sonntag, den 3. Januar, startete die Tour mit einer langen Busfahrt vom Flughafen Köln/Bonn. Anfangs war der Bus leer, aber füllte sich auf den Unterwegshalten in Brüssel und Gent, die einen netten Nachtblick auf jene Städte brachten. Mit knapp 90 Passagieren war der Bus komplett gefühlt, als wir die Grenzkontrolle erreichten. Lange Zeit verging bis wir als Passagiere des Busses an der Reihe waren. Mit Reisepass und/oder Personalausweis ausgestattet wurde die „Ausreisekontrolle“ aus Frankreich erledigt, bevor für uns die Einreise in das Vereinigte Königreich anstand. Eine lange Schlange wartete bereits zu solch früher Morgenstunde auf die Kontrolle. Viele füllten Zettel mit den Daten ihrer Ankunft und ihres Aufenthaltes auf. Brauchte ich auch eine? Zwar war „non-EU“ nur erwähnt, aber klare Anweisungen fehlten: Ungewissheit in der anonymen Atmosphäre am frühen Morgen. Der Bus würde nicht lange auf mich warten, falls es Probleme gibt – dachte ich. Die Erlösung des bangen Gefühls kam durch den Grenzpolizisten, der mich durchgewunken hatte. Im Nachhinein ließ sich feststellen, dass wir als Europäer an diesem Morgen eher die Minderheit bildeten, derer die die Grenzen passieren wollten. Umgeben waren wir von vielen außereuropäischen Staatsbürgern, von denen viele eine Europarundreise zu machen schienen. Der Bus fuhr auf die große Fähre.

Vom Außendeck ließ sich beobachten, wie wir langsam den Hafen verließen und die Lichter des Festlandes immer kleiner wurden. Währenddessen begann ein schier unendlicher Schwarm von tausenden Möwen an uns vorbei zu ziehen. Ein schöner und beruhigender Anblick, wie sie sichtlich entspannt auf dem Luftpolster segelten.

Innen waren alle Sitzplätze von den Passagieren zu Schlafplätzen umgewandelt worden. Überraschend: Viele Passagiere tranken Bier und Schnaps auf dem Außendeck. Und das zu dieser frühen Uhrzeit. Verstanden habe ich dies nicht. Die Atmosphäre war anrüchig und ungewohnt.
In England erlebte ich von der Weiterfahrt nicht viel. Ein endlich ersehntes Schläfchen setzte ein, obwohl ich gerne die Landschaft gesehen hätte. Der Bus fuhr in die Victoria Coach Station ein, der Endhaltestelle.

An der nahen U-Bahn-Station gab es dann die „Oyster-Card“ für den Nahverkehr. Per Metro war die Unterkunft gut zu erreichen. Nach kurzer Pause sollte erstmals die Stadt erkundet werden, so war der Plan. Aber die Busfahrt war zu ermattend. Im Gegensatz zur Ukraine-Fahrt war die Fähre das Hindernis für besseren Schlaf. So blieb es an diesem Tag nur für Einkäufe im Supermarkt und einer fußläufigen Besichtigung des umgebenden Stadtviertels, Acton, im Westen von London. Dieses zeigte sich direkt von seiner multikulturellen Seite mit arabischen Frisören oder polnischen Feinkostläden. Damit war das Tagespensum erreicht und Erholung für Auge und Geist waren nötig.

Die nächsten beiden vollen Tage standen ganz im Zeichen von einer Stadtbesichtigung und davon, die Stadt zu erleben. Besonders auffallend war, dass jeder Stadtteil ein ganz anderes Flair an Menschen hat. In der City war es die Mischung von Geschäftsleuten und Bauarbeitern – kontrastreicher geht es kaum. So wurden in dem Stadtteil neben den bestehenden faszinierenden Hochhäusern noch zahlreiche weitere Projekte umgesetzt. In der Nähe begeistert der Blick der St. Paul’s-Kathedrale. Zwar müssen dafür viele, teils enge Treppenaufgänge überwunden werden, jedoch ist der Blick aus nahezu 100 m dies in jedem Falle wert.

Im Stadtteil Campen Town wurden viele alternative Lebensstile deutlich. Neben einer Art türkischem Basar, einem internationalen Essensmarkt, sowie vielen Tattoo-Läden waren die Menschen anders, als sonst in London. Am einprägsamsten war das Geschäft „Cyberdog“. Als kulinarischen Höhepunkt stand einmal „Fish-n-Chips“. Original mit Zeitungspapier als Unterlage der Pappbox. Gestärkt wurde der Fußweg fortgesetzt. Eine Demonstrations-Zug setzte sich gegen die stetig steigenden Mieten und für Wohnraum für alle ein. Ein Thema, welches viele Londoner betrifft.

Zum Transport: Per U-Bahn, der sogenannten „Tube“ ließ sich diese riesige Stadt gut erkunden. Sofern man sich auf dem komplexen Netzplan zurechtfindet, steht einem London offen. Die Verzögerungen der Über- und Untergrundbahnen sind ein Teil der Erfahrung. Oft steht der Zug für einige Minuten auf der Strecke wegen Signalstörungen oder ähnlichem. Den Besucher wundert es nicht, da ein Kabel-Wirrwarr die Strecken begleitet. Ein anderes gutes Mittel war die Benutzung der typischen roten Doppeldeckerbusse. Auch wenn der Verkehr in London sehr langsam fließt, begeisterte die gute Aussicht in der oberen Etage und ließ die Stadt aus der Beobachterperspektive vorbeiziehen. Auf lediglich einer Linie verkehren die historischen Routemaster-Busse, die das Original des Londoner Nahverkehrs darstellen.

Nach reichhaltigem Erleben startete am 6. Januar der Flughafenbus vom Victoria Busbahnhof. Auf dem Flughafen London-Stansted sollte eine Nacht folgen – der Garant für das rechtzeitige Erreichen des morgendlichen Heimfluges mit Ryanair. Zahlreiche Menschen sammelten sich ab 11 Uhr in dem Flughafengebäude. Als um 3:30 Uhr die Kontrollen öffneten strömten alle dorthin. Im öffentlichen Bereich des Flughafens gab es fast keine Sitzgelegenheiten. Der Sicherheitsbereich hingegen: Ein zehnminütiger Fußweg führte an allerlei Duty Free-Läden vorbei, bevor ein angenehmer Wartebereich zu einem Schläfchen einlud. Um 7 Uhr startete der Check-In. Nach einem angenehmen und recht leeren Flug war Deutschland wieder erreicht. Vom Flughafen Köln/Bonn fuhr der Zug wieder nach Hause. Perfide: Der Bus zum Flughafen war etwas und der Zug nach Hause fast doppelt so teuer, wie der Flug mit Ryanair.

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