Trolltunga: Atemberaubend schön und qualvoll hart

Ich hatte mich noch nie so sehr gefreut, um 5 Uhr aufzustehen. Schnell alles gepackt und dann auf: Es war bereits hell als der Motor startete. Dank des minimalen Verkehrs konnte man besser das „unterwegs“ erleben. Zuerst einmal ein großer Wasserfall links; dann einer rechts. Durch das offene Fenster kam die Gischt in den Fahrgastraum. Direkt an der Straße lag der Wasserfall und erfrischte mit frischen Bergwasser. Eine Tankstelle in Odda war bereits offen und bot uns Heißgetränke an. Über eine sehr schmale, steile Serpentinenstraße erreichten wir eine kleine Häuseransammlung. Von dort sollte das große Abenteuer starten. Ein Tagesausflug zum Trolltunga.

Überraschend viele Leute waren schon auf den Beinen. Mit gepackten Sachen startete die Wandertour um 7:30 Uhr. Der erste Kilometer war sehr anstrengend. Extrem steil ging es über matschige Pfade nach oben. Bereits nach einer halben Stunde pumpte das Herz wegen des geschätzt 60 ° steilen Hanges. Dort oben erwartete eine mit dünnen kleinen Bäumen und Sträuchern bewachsene Hochebene. Woher das Baumaterial für einzelne stammte, konnten wir nicht herausfinden. Der Pfad war ab und zu mit einem roten T an einem Baum oder Stein markiert. Es half alles nichts: Einen Umweg nahmen wir trotzdem. Die wenigen anderen Wanderer folgten uns unwissenden. Aber ganz in der Ferne am Berghang sah man wie kleine Ameisen andere Menschen, sodass wir die richtige Richtung einschlugen. Denn nun ging es in den zweiten großen Anstieg an der Steinwand. Noch einmal wurden die Beine besonders beansprucht. Schon von hier oben hat man nach mehreren hundert erklommenen Höhenmetern einen grandiosen Blick. Weiter führte der Weg über Schnee oder schlammige Pfade. Bereits nun konnte man etwas erahnen, von dem was kam.

Ohne Pausen zwischendurch war es nicht zu schaffen. Das letzte Stück führte schließlich über das blanke Gestein. Nach fast fünf Stunden, auf 1200 Höhenmetern und 11 km Distanz erreichten wir das Glück: Trolltunga, die Zunge des Trolls, lag vor uns. Das besondere an diesem Felsen ist die atemberaubende Aussicht und das immer dünner werdende Gestein. Die Natur, völlig unberührt, wirkte surreal. Links und rechts der See, und senkrecht aufsteigende Felswände. Links war das Ende des Sees. Es macht einen sprachlos, dies zu sehen. Einer oder vielleicht der schönste Ort, den ich bisher sah. Der Blick war über die strapaziöse Tour hart erarbeitet. Auf dem Trolltunga dann 700 m an Abgrund bei strahlender Sonne.

Die Erschöpfung war immens, aber leider musste man irgendwann auch zurück. Inzwischen waren viele Menschen eingetroffen. Es bildete sich eine regelrechte Schlange um Trolltunga zu betreten und dabei ein paar Selfies zu machen. 28 Menschen zählte ich; insofern war das frühe Aufstehen wahrlich gut. Der Rückweg war zunächst ganz ok, aber entwickelte sich als Herausforderung. Zum Glück fing erst jetzt etwas Regen an. Der Weg war nun von den vielen nachfolgenden Wanderern noch matschiger und man versank im Schlamm. Im Schnee ließ es sich nicht einfacher laufen und bei den Abstiegen schmerzten die Knie und das Becken. Der letzte bzw. vormals erste Anstieg erwies sich als zermürbend. Als schmerzhafte Erfahrung stellten wir fest, dass wir zuviel feste Nahrung hatten. Etwas Fruchtsaft hätte wie anfangs noch geholfen. Auch unsere Ausrüstung war sehr amateurhaft: Als einer der wenigen erklommen wir das Hochplateau mit Jeans. Wenigstens die Schuhe waren stabil.

Mit letzter Kraft erreichte ich das Tal. Erneuert dauerte es fünf Stunden. Durchnässt, kaputt und überglücklich. Auch deshalb, weil Verletzungen ausgeblieben sind. Bei der Route nicht selbstverständlich. Die „normale Fitness“ die empfohlen wurde, sollte wirklich gegeben sein. Es ist ein extremes Verausgaben. Nur für diesen Tag hat sich die weite Anreise per Auto gelohnt. Da nur bis Mitte September der Zugang möglich ist, lohnte sich dieser Stopp auf der Hinfahrt. Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben. Die persönliche Komfortzone zu verlassen, hatte sich gelohnt.

Am Auto half etwas Bananensaft wieder Leben in den geschundenen Körper zu bringen. Mit frischem T-Shirt, frischer Hose sowie Schuhen und Socken fühlte ich mich neugeboren. Langsam kam die Kraft wieder. Auch wenn manche Bewegung schmerzte.

Nachtrag (18-09-2015): Wenige Wochen nach dem Besuch des Trolltungas kam es auf dem Felsen zu einem tödlichen Unglück, als eine Austauschstudentin aus Australien in den Abgrund stürzte. Es handle sich dabei um den ersten tödlichen Unfall am Felsen (stuff.co.nz). Selbst die Bild-Zeitung berichtete davon.

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