Auf dem Dach Norwegens

Ein neues Wochenende, einer neuer Ausflug. Diesmal reisten wir Freitagabend an. Eine einfache Nacht, bevor wir uns am nächsten Tag der norwegischen Landschaft wieder hingeben wollten. Das Ziel diesmal: der Berg Galdhøpiggen, 2469 m über dem Meer. Samstagmorgen heulten die Motoren auf, um den steilen Weg den Berg hinauf zu bewältigen. Immer höher schraubte sich die schmale Straße an der Baumgrenze vorbei. Im Tal zeigte die Anzeige noch 10 °C an; auf einmal signalisierte das Auto: 4 °C, Glatteisgefahr. Oben erblickten wir dann frischen Schnee auf den Steinflächen. Die Abbruchkante eines Gletschers sowie ein Skigebiet zeigten sich in der Sonne. Als Ausgangspunkt wählten wir die Juvasshytta auf 1841 m Höhe. Draußen wehte der Wind kräftig; in der Hütte besorgten sich die meisten noch weitere kältefeste Kleidungsstücke. Die geführte Tour über den Gletscher wurde gekauft.

Kurz vor 9 trafen sich etwa hundert Hobby-Bergsteiger. Als einzigste war unsere zehnköpfige Reisegruppe auf eine englischsprachige Einweisung für den Tag angewiesen. Ein Sherpa aus Nepal zeigte uns alle nötigen Handgriffen und gab wichtige Informationen für den Tag. So konnte die Gruppe, bestehend aus niederländischen und deutschen Austauschstudenten, in das Abenteuer starten. Über Stein und Geröll bahnte sich der Weg. Nichts außer Stein, Eis und Schnee konnte ich sehen. Lediglich ein paar Moose und Flechten wuchsen in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Ein Schneefeld zu überqueren war nicht weniger anstrengend, aber ich sorgte mich weniger, hinzufallen. Stein und Schnee wechselten sich ab, bevor der Gletscher erreicht wurde. Schier endlos erstreckte sich die weiße Pracht.

Der Sherpa, der einiges über seine Heimat und seine Touren auf den Mount Everest erzählte, legte Knoten auf den Seilen an. Nach längerer Pause konnten wir gemächlich einige Kilometer über den Gletscher zurücklegen. Langsam verzog sich die Sonne hinter den Wolken, der Wind wehte den Schnee in das Gesicht. Auf den Felsen wurde es nun hart. Ich bildete mir ein, dass die Luft dünner geworden war – vielleicht nur die Anstrengung. Die große Gruppe zog sich in kleine Grüppchen. Durch das Wetter reduzierte sich die Sicht auf einige dutzend Meter. Mit zunehmender Höhe wurde es kälter und vor allem: Der Schnee, der vom Wind verweht wurde, wirkte wie Schleifpapier auf die Gesichtshaut. Ich spürte die Erschöpfung in meinen Beinen. Vor mir sah ich ein merkwürdiges Gebilde: Ist das die Gipfelhütte, von der Bericht wurde? – Ja! Ein Adrenalin-Schub setzte noch einmal alle Kräfte frei und überglücklich erreichte ich die Hütte. Es war erleichternd, den Aufstieg geschafft zu haben. Ein Teil der Reisegruppe wartete schon. Nach und nach trafen alle ein – alle hatten es geschafft.

Man könne über ein Viertel der norwegischen Fläche schauen, wurde geschwärmt. Die Sicht erlaubte nichts dergleichen. Die kleine Hütte hatte sich sehr gut gefüllt. Leider war der sehnsüchtig erwartete warme Kakao ausverkauft, der mit 40 NKR (knapp 5 €) erstaunlich „günstig“ angeboten wurde. Per Helikopter, so hörte ich später, wurden zuvor der Großteil der Waren auf die Hütte direkt unter dem Gipfel gebracht. Viele Bergsteiger trafen nun ein. Kaum ein Durchkommen gab es mehr.

Für uns brach sowieso wieder der Rückweg an. Dieser war weniger kräftezehrend, aber trotzdem anstrengend: Die nachfolgenden Menschen(massen) haben den Schnee auf den Steinen weich getreten. Die vielen kleinen Felsstücke wurden damit rutschig. Ein falscher Tritt hätte eine schwere Verletzung hervorrufen können. Nichts dergleichen passierte einem von uns, als wir wieder den Gletscher erreichten. Zum Abschied klarte es etwas auf und der Blick auf große Gletscherspalten an einem anderen Seitental wurde frei.

Erneut per Seilschaft passierten wir das Gletscherfeld. Dieses sah nicht wirklich gefährlich aus. Wofür aber der Bergführer nötig war: Im Nebel hätten wir uns als kleine Gruppe wahrscheinlich verlaufen. Der Weg war kaum gekennzeichnet. Kaum auszumalen, wenn wir bei der schlechten Sicht die Orientierung verloren hätten.

Insgesamt war die Tour vollkommen gelungen. Danach fuhren wir direkt nach Trondheim zurück. Natürlich half das Wetter nicht zur Sicht, aber für das Erlebnis an diesem Berg war es passend. Strahlende Sonne hätte weniger gepasst. Körperlich war es weniger anspruchsvoll als die Trolltunga-Tour; technisch aber deutlich anspruchsvoller aufgrund mangelnder Wege.

Dieser Beitrag wurde unter Norwegen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.